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Hintergrundwissen · Soziale Innovation

Komplexer Systemwandel

Der Ansatz von Westley und Antadze aus dem Jahr 2010 dazu, wie eine kleinräumige Initiative — über die Dynamik komplexer adaptiver Systeme — zum Katalysator eines Wandels auf Systemebene werden kann.

Living Lab-Redaktion Wissensdatenbank · Soziale Innovation
3 Min. Lesezeit 2026

Westley und Antadze (2010) verstehen soziale Innovation über die Dynamik komplexer adaptiver Systeme: Mit den Werkzeugen der Systemwissenschaft und der Gesellschaftstheorie beschreiben sie, wie eine neue Lösung längerfristig zum Katalysator eines Wandels auf Systemebene werden kann.

1. Soziale Innovation als komplexes adaptives System

Ausgangspunkt des Ansatzes ist, dass soziale Innovation kein linearer, sondern ein emergenter Prozess ist. Eine neue Lösung — etwa ein lokales gemeinschaftliches Experiment — wirkt nicht für sich allein, in einem einzigen Schritt, sondern über die Dynamik des Systems. Kleinräumige Initiativen und Experimente verändern soziale Strukturen mit der Zeit durch Selbstorganisation und Rückkopplungen.

Die Autoren greifen dafür auf Begriffe der Systemwissenschaft und der Gesellschaftstheorie zurück. In diesem Rahmen lässt sich Wandel nicht geradlinig planen: Er entfaltet sich daraus, wie die vielen kleinen Initiativen aufeinander einwirken.

2. Scaling out und scaling deep

Westley und Antadze bezeichnen eines der Schlüsselphänomene des Prozesses als „scaling deep“. Die quantitative Verbreitung von Innovationen (scaling out) — also dass sie an immer mehr Orten auftreten — reicht nicht aus; mindestens ebenso wichtig ist ihre qualitative Verankerung. Diese Verankerung vollzieht sich auf der Ebene der Werte, der Überzeugungen und der institutionellen Praktiken.

Der Kern der Unterscheidung ist, dass wirklicher Wandel nicht allein von einer in Zahlen messbaren Verbreitung abhängt, sondern davon, wie tief sich die neue Lösung in das Denken und Handeln der Gemeinschaft einfügt.

3. Mehrebenen-Beziehungsgeflecht und Wirkung auf Systemebene

Nach Ansicht der Autoren erfordert ein echter Wandel auf Systemebene ein mehrstufiges Beziehungsgeflecht, das individuelle Initiativen, gemeinschaftliches Lernen und die politisch-institutionelle Entscheidungsfindung miteinander verbindet. Diese Sichtweise hatte auch großen Einfluss auf resilienzbasierte Ansätze der sozialen Innovation.

Der Ansatz wurde auch von den Innovationsleitlinien der OECD, der EU und der UNO übernommen, als eine der Grundlagen des Paradigmas der „systemic social innovation“.

Kernaussagen

  • Soziale Innovation ist ein emergenter, nicht-linearer Prozess: Kleine Initiativen verändern Strukturen durch Selbstorganisation und Rückkopplungen.
  • „Scaling deep“ — die Verankerung auf der Ebene der Werte, Überzeugungen und institutionellen Praktiken — ist mindestens so wichtig wie die quantitative Verbreitung (scaling out).
  • Wandel auf Systemebene erfordert ein mehrstufiges Beziehungsgeflecht, das die individuelle, die gemeinschaftliche und die institutionell-politische Ebene verbindet.

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